Die Algarve - Kitesurfen zwischen Massentourismus und Citrusbäumen

Ein portugiesisches Fischermärchen von Christian Winkenjohann und Marius Hölter. Ein toller Spotguide von der Algarve.

Jeden Winter machen sich unzählige Kiter auf in den Süden, um den eisigen Temperaturen in Deutschland zu entfliehen. Mehrwöchige Aufenthalte in Brasilien oder Kapstadt sind keine Seltenheit mehr. Dass es auch in Südeuropa sehenswerte Spots gibt, an denen man gut überwintern kann, gerät dabei schnell in den Hintergrund. Wer dann noch mit einem kleineren Reisebudget und etwas weniger Zeit ausgestattet ist, den treibt es oft an die völlig überfüllten Strände von Tarifa oder Ägypten.

Mit dieser Erkenntnis machten wir uns auf die Suche nach einem neuen Reiseziel mit genügend Wind, Sonne und traumhaften Stränden. Zusätzlich wünschten wir uns aber auch eine Landschaft, die den Entdeckergeist in einem weckt, und eine entspannte und freundliche Kultur, um die windlosen Tage genießen zu können - eine Woche später saßen wir Ende Februar im Flieger nach Portugal.

Während der langen Fahrt von Lissabon über die mautpflichtigen Autobahnen zu unserer Unterkunft in Portimao, an der Südküste Portugals, gewöhnten wir uns an die Vorfahrtsregeln, die es in Portugal anscheinend nicht gibt.
Am nächsten Tag ließen wir nicht lange auf uns warten. Kurz aus dem Apartment den abgelutschten Finger in die Luft gestreckt, ging es auch schon bei 18°C, Sonnenschein und vier bis fünf Windstärken raus aus der Tourihochburg zum Ria de Alvor. Eine riesige Flussmündung, die aus den Flüssen Riberia de Odiaxere und Riberia do Farelo entsteht. Bei einer fetten Freestyle-Session in der Lagunenlandschaft, umgeben von einheimischen Muschelsammlern, verfloss die Frustration, die sich über die Wintermonate aufstaute. Zurück im Hotel machten wir uns, bei einer großen Portion Pasta und portugiesischem Bier, Gedanken über die Planung der nächsten Tage. Um in Portugal an die wirklich guten Spots zu gelangen, muss man zunächst die ohnehin grauenvolle Hotellandschaft verlassen und darf vor ungeteerten Schleichwegen, die von Schlaglöchern befallen sind wie ein Schweizer Käse, nicht halt machen. Doch wer spielt nicht gerne mal den Entdecker und fährt durch eine Herde von Ziegen und Schafen, vorbei an den idyllischen Häusern und Orangenplantagen der portugiesischen Bauern?

Die nächste Zeit verschlug es uns an die südliche Westküste, etwa 30 Minuten von Portimao entfernt, nach Carrapateira. Als wir dort das erste mal ankamen, wurde uns klar, warum Portugal unter den Wellenreitern schon lange sehr beliebt ist. Vom Parkplatz aus gingen wir samt Material durch die knöcheltiefe Lagune, die sich nur bei Hochwasser füllt, über den Sandstrand, in den Shorebreak. Wer an dieser Stelle in der Nähe der Klippen ins Wasser geht, sollte nicht zum ersten Mal einen Kite in der Hand halten.

Carrapateira

Auch die starke Strömung sollte man im Auge behalten. Vor allem dann, wenn man bei auflandigem Wind in Strandnähe abspringt und in der Luft zusehen muss, wie sich das Wasser bis zu 30 Meter zurück zieht und die gedachte Landezone zu einem wunderschönen Strand mit Muscheln und Steinen wird. Wer aber wie wir auf dicke Dinger steht und es mit ein wenig Geschick weiter raus in die großen Wellen schafft, hat richtig Spaß und geht am Ende des Tages mit einem fetten Grinsen im Gesicht aus dem Wasser.

Marius legte bei unserer zweiten Session in Carrapateira eine der besagten Strandlandungen hin, wobei er sich trotz Neo eine beachtliche Schürfwunde zuzog. Deshalb verbrachte er den nächsten Tag damit, Christian dabei zuzusehen wie er einige 313 am Strand von Portimao aufs Wasser zauberte, während sein Gesäß wie Feuerzangenbowle brannte.

In Portimao sind bei gutem Swell viele einheimische Wellenreiter unterwegs. Die Strömung ist dort nicht so stark und die Wellen nicht so groß, laufen dafür aber sehr sauber. An den folgenden zwei windärmeren Tagen, schöpften wir aus den einheimischen Spezialitäten neue Kraft, erkundeten die Gegend und ließen es uns im Apartment gut gehen. Die Promenade von Portimao, mit vielen Restaurants, Beachclubs und Bars, scheint in der Saison ein sehr angesagter Treffpunkt zu sein. Im Winter ist dort allerdings wenig los und Touristen trifft man kaum welche, was wir aber keineswegs als negativ empfanden. Schade war nur, dass somit auch die sonst so beliebten und lebhaften Restaurants in der Altstadt von Portimao, in den meisten Fällen einen ausgestorben Eindruck bei uns hinterließen. Die Portugiesen haben wir als sehr sympathische, ausgeglichene und hilfsbereite Menschen erlebt.
Interessant war auch zu beobachten, dass der Wind über Nacht einschlief und am nächsten Morgen mit uns aufstand. Das gleiche Phänomen, allerdings umgekehrt, stellten wir beim Regen fest. Tagsüber konnte man sich darauf verlassen, dass es trocken bleibt, auch wenn die Vorhersage etwas anderes prophezeite.

Als der Wind wieder einsetzte, fuhren wir zur Küste von Lagos. Dort herrschten ähnliche Bedingungen wie in Carrapateira, nur dass die Wellen erst kurz vor dem Strand brachen und bei weitem nicht so sauber liefen. Doch auch in Lagos hatten wir unseren Spaß. Es mag unter anderem daran gelegen haben, dass wir bis dato lediglich unsere zehn und elf Quadratmeter Schirme aus den Boardbags nehmen mussten. Vielleicht war der entscheidende Faktor aber auch, dass uns in unserem gesamten Urlaub nur wenige andere Kiter über den Weg gelaufen sind und uns somit ein Anblick wie am Strand von Tarifa mit mehreren 100 Kites erspart blieb. Warum in Portugal so wenig Kiter unterwegs sind, fragen wir uns bis heute. Vielleicht war es den Portugiesen einfach noch zu kalt, denn auch bei ihnen herrscht „Winter“. Als Beispiel kann man ein paar Windsurfer nennen, die mit Haube und Handschuhen draussen waren, was in uns einen eher witzigen Eindruck hinterließ.

Die Windvorhersage trieb uns die nächsten 48 Stunden zurück in die Lagune von Alvor und nach Portimao, was uns sehr entgegen kam, da es nur ein paar hundert Meter vom Hotel zum Spot waren.
Den letzten und auch windlosen Tag nutzten wir, um unser Material reisefertig zu machen und abends noch ein paar Fische zu schlemmen, bevor es für uns am nächsten Morgen wieder zurück in den kalten Norden ging.

Die Lebenshaltungskosten liegen in Portugal in etwa auf deutschem Niveau, und so kostete uns der Trip weniger als 800 Euro pro Person für knapp zwei Wochen Kiteurlaub - ALL inclusive. Das ist ein super Preis, wenn man bedenkt, dass unsere Unterkunft ein vier Sterne Golfclub direkt am Strand war, wir davon einen Mietwagen bezahlt haben und so Dinge wie eine Bratpfanne, Werkzeug und Sekundenkleber nur Beispiele aus der Liste unserer überflüssigen Besorgungen sind.


Weitere Informationen und Eindrücke, die wir auf der Reise gesammelt haben

Land und Leute
Portugal belegt den westlichen Teil der iberischen Halbinsel. Im Norden und Osten grenzt das Land an Spanien und im Westen und Süden gibt es rund 850 km Küste. Diese ist von Sandstränden und Steilküsten gezeichnet. Portugal ist hügelig und abseits der Städte findet man starke Vegetation und Farmen. Überwiegend sieht man dann Orangen, Zitronen, Ziegen und Rinder. Portugal war früher eine große Seefahrernation. Die maritimen Wurzeln sieht man noch deutlich. Da das Land lang und schmal ist, kann man sagen, dass es von jedem Ort aus nicht wirklich weit zum Meer ist. Vor jeder Stadt und jedem Dorf am Meer liegen kleine Fischerboote. In den Restaurants und Supermärkten gibt es immer frischen Fisch zu bekommen. Die Portugiesen sind sehr fröhlich, offen und hilfsbereit. Man kann sich meist leicht verständigen. Die Portugiesen lernen in der Schule neben der Muttersprache oft englisch, spanisch und/oder französisch.

Klima
Das Klima ist zweigespalten. Nördlich von Lissabon ist es im Winter auch kalt und regnerisch. Südlich der Hauptstadt herrscht das mediterrane Klima. Die Sommer sind warm und die Winter mild. Der Wind in den kühleren Monaten wird überwiegend von Tief- und Hochdruckgebieten erzeugt. In der wärmeren Zeit sorgt die Thermik für zuverlässigen Wind. Portugal ist schon seit sehr vielen Jahren bei den Wellenreitern ein Pflichtreiseziel. So sorgt der Atlantik für reichlich Swell an den Küsten und wenn mal kein Wind ist, geht man Wellenreiten oder Bodyboarden.

Reisen
Die Einreise aus Deutschland erfolgt überwiegend per Flugzeug, aber auch viele Camper schätzen Portugal. Um in das Land einzureisen und wieder auszureisen reicht ein gültiger Personalausweis. Lissabon, Porto und Faro haben die größten internationalen Flughäfen. Aus eigener Erfahrung lohnt es sich die Preise für die Flugtickets zu den unterschiedlichen Flughäfen zu vergleichen. Für uns war es günstiger nach Lissabon zu fliegen und die 300 km in die Algarve mit dem Mietwagen hinunter zu fahren, anstatt direkt nach Faro zu fliegen. Die Autobahnmaut liegt gemittelt bei 5 bis 7 Euro auf 100km. Stadtautobahnen und manche Regionale sind mautfrei. Die Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn liegt bei 120km/h. Für jeden, der schnell voran kommen will, lohnt sich die Autobahn auf jeden Fall. Wenn man Zeit hat, sind die kurvenreichen Landstraßen auf jeden Fall viel interessanter, da man viel vom Land und der Kultur sieht. In Ortschaften gilt auch 50km/h und ausserorts 90km/h als Limit. Die Promillegrenze liegt ebenfalls bei 0,5.

Strände
Es gibt noch weitaus mehr Spots, als wir beschrieben haben. Zwischen den rauen Klippen gibt es immer wieder schöne Sandstrände, an denen man je nach Windrichtung und Swell sehr schöne Sessions haben kann. Unser Tipp: Einfach einen groben Plan bei Google Maps raussuchen und dann nichts wie ins Auto und losfahren. Die schönen Ecken findet man meist erst auf Entdeckungstour und nicht im Internet.

Kriminalität
In der Nebensaison haben wir uns an den Spots immer sicher gefühlt. Natürlich sollte man seine Wertsachen nicht offen im Auto liegen lassen, aber wo auf der Welt kann man das schon? In der Hauptsaison sollte man allerdings die Augen etwas offener lassen. Gerade an den Spots und den Parkplätzen um Lissabon und anderen großen Städten werden Autos aufgebrochen.

Mietwagen
An den Flughäfen gibt es Autoanmietstationen von allen großen Vermietern. Wir haben vorab schon den Anbieter mit dem besten Preis-Leistungsverhältnis ausfindig gemacht. Wichtig ist vor allem das Versicherungspaket. In Portugal läuft der Verkehr etwas anders, als bei uns. Das Land liegt in Europa in der Unfallstatistik ziemlich weit oben. Es kann also schnell zu einem kleinen Auffahrunfall kommen. Für einen 5 türigen Kleinwagen kann man mit 80 bis 100 Euro pro Woche rechnen.